Regine Wild
Lieder der nordamerikanischen Indianer als kompositorische Vorlagen in der Zeit von 1890 bis zum Ersten Weltkrieg
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(Berliner Musik Studien 11) |
Die Autorin begibt sich auf die Suche nach Spuren der Verschmelzung der Volksmusik der Indianer Nordamerikas mit der abendländischen Musik. Sie fragt nach den dahinterstehenden Motiven und der Art des Umgangs mit diesem für europäische Ohren fremdartigen, exotischen Material.
«I felt that I
had come in search of gold and had found diamonds». So begeistert
äußerte sich Natalie Curtis 1903 über die indianischen Lieder,
die sie als Musikerin und Ethnologin auf ihren Reisen in die zahlreichen
Indianerdörfer des amerikanischen Südwestens studierte. Sie
gehörte bereits einer zweiten Generation von Forschern an, die seit den
frühen 80er Jahren des 19. Jahrhunderts der musikalischen Kultur der
Indianer ihre Aufmerksamkeit schenkten und diese sorgfältig
dokumentierten. Der melodische Fundus, der so erschlossen wurde, reizte
wiederum einzelne zeitgenössische Komponisten zum musikalischen
Experiment: nämlich den Versuch zu wagen, dies fremdartig exotische
Material in eigene Werke zu integrieren.
Welche weltanschaulichen Motive
steckten hinter diesen Annäherungen an die indianische Musik? Und in welch
vielfältigen musikalischen Werken brachten die Komponisten ihre Ideen zum
Ausdruck? Historische Musikwissenschaft mit Methoden der Ethnologie verbindend,
unternahm Regine Wild vorort eigene Feldforschungen in mehreren
Indianerreservaten der USA und suchte in Archiven und Bibliotheken Quellen und
Zeugnisse. Bei der Suche nach den Spuren jener kulturübergreifenden
Verschmelzung der Volksmusik der Indianer Nordamerikas mit der
abendländischen Musik stieß sie auf Komponisten wie Edward
MacDowell, Antonín Dvorák und Feruccio Busoni, aber auch auf
Aussenseiter des amerikanischen Musiklebens, wie z. B. die
musikalisch-nationalistische Gruppierung um Arthur Farwell, auf den
Liedkomponisten Frederick R. Burton oder auf den Schöpfer der 1918/19 an
der Metropolitan Opera in New York aufgeführten Indianeroper Shanewis
Charles Wakefield Cadman.
Nicht ohne Grund konzentriert sich die Autorin
auf einen eng umrissenen zeitlichen Rahmen, denn nach dem Ersten Weltkrieg
begegnen in der Musikliteratur kaum noch Werke mit indianischer Färbung.
Erst in der jüngsten Musik taucht die Thematik wieder vereinzelt auf, nun
jedoch unter den veränderten Vorzeichen einer vollkommen gewandelten
Einstellung zu den außereuropäischen Kulturen. So schließt die
Autorin mit einem Ausblick auf Karlheinz Stockhausens Komposition «Am
Himmel wandre ich...» (Indianerlieder), zu der sich der Komponist 1972
durch indianische Poesie inspirieren ließ.



