Ariane Jeßulat
Die Frage als musikalischer Topos
Studien zur Motivbildung in der Musik des 19. Jahrhunderts
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(Berliner Musik Studien 21) |
Die
Möglichkeiten, musikalisch zu fragen, sind zahlreich. Doch hat nur eine
bestimmte Kadenz mit ihren Varianten so viel Wiedererkennungswert, daß
sie auch als untextiertes Motiv zum Kern eines musikalischen Topos
werden konnte: die unter dem Namen phrygische Wendung bekannte
Kadenz, die zum Kanon altertümelnder Motive gehört, welche in der
Musik des 19. Jahrhunderts eine Renaissance erfahren haben. Allerdings
verweisen die Fragetopoi des 19. Jahrhunderts auf eine musikalische
Vergangenheit, die in solcher Idealisierung nicht real, sondern Teil einer
romantischen Fiktion ist. Ausgehend vom Fragetopos bei Wagner, vollzieht die
Arbeit die musikgeschichtlichen Ausgangsbedingungen wissenschaftlich nach.
Der erste Teil der Studie arbeitet die musikalische Konvention auf, die als
Vorlage für den Fragetopos diente. An Beispielen aus der Musik vor 1800
wird gezeigt, in welcher Form die musikalische Frage als Motiv etabliert war,
was für ihre Inszenierung im musikalischen Zusammenhang typisch ist, und
welche semantischen Konnotationen auch bei der untextierten Formel
vorauszusetzen sind.
Der zweite Teil verdeutlicht den qualitativen
Umschlag von der historisch eindimensionalen Frageformel zum Fragetopos. In
Analysen untextierter Fragetopoi bei Beethoven, Mendelssohn und Wagner wird die
Frage als ein Phänomen beschrieben, das sich im Spannungsfeld von
musikalischem Historismus und einem sich wandelnden Kadenzverständnis
bewegt. Neben einer Klärung dessen, was die aus der Literaturwissenschaft
entlehnte Toposforschung in der Musikwissenschaft leisten kann, vermittelt die
Arbeit anschaulich zwischen der Vogelperspektive musikphilosophischer
Entwürfe und der akribischen Analyse satztechnischer Details.



