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Lucian Schiwietz (Hg.)

Adolph Henselt und der musikkulturelle Dialog zwischen dem westlichen und östlichen Europa im 19. Jahrhundert

Konferenzbericht Schwabach 25.-27. Oktober 2002 hg. in Zusammenarbeit mit der Internationalen Adolph-Henselt-Gesellschaft e. V. Schwabach

Mit 64 Abb., 28 Notenbeisp. und Register, 328 S., 24 * 17 cm, Broschur mit Fadenheftung

EUR 15,00*

ISBN 978-3-89564-106-0

Inhalt >>>

Der Pianist und Komponist Adolph Henselt (1814-1889) wurde zu seiner Zeit mit Liszt und Chopin verglichen. Dass er heute nur noch wenig bekannt ist, mag darin begründet sein, daß er seine Karriere in Deutschland nach wenigen Jahren abbrach und nach Russland auswanderte, wo er zum bedeutendsten Musikpädagogen seiner Zeit avancierte. Der Band versammelt Beiträge zu Biographie und Werk, zu Henselts Bedeutung als Klavierpädagoge für die russische Pianistik, zur russischen Klaviermusik aus Henselts Zeit und zum zeitgeschichtlichen Kontext.

Lucian Schiwietz über Adolph Henselt:

<«Adolph (von) Henselt, am 9. Mai 1814 in Schwabach bei Nürnberg geboren, war zweifelsohne eine bedeutende Musikerpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts. Als er 1838 nach Russland auswanderte und sich in St. Petersburg niederließ, hatte er sich bereits in der Spitzengruppe der europäischen Klaviervirtuosen etabliert. Das war ihm in beispiellos kurzer Zeit, im Wesentlichen seit 1836, und nur mit einer Handvoll öffentlicher Auftritte gelungen. Seinen Namen nannte man in einem Atemzug mit Chopin, Liszt und Thalberg. Eine damals neuartig-virtuose Klanglichkeit in seinem Spiel und in der Faktur seiner Kompositionen sowie seine eigenartige Persönlichkeit verschafften Henselt diesen außerordentlichen Ruf. Seine aufsehenerregende pianistische Spielart, die im engsten Zusammenhang mit der Setzweise und dem Charakter seiner kompositorischen Werke steht, hatte Henselt, der in München von Emanuel Lasser, Konrad Dinkler, Josephine von Fladt und Johann Nepomuk Poißl sowie in Weimar von Johann Nepomuk Hummel ausgebildet worden war, in extensiven autodidaktischen Exerzitien in Wien entwickelt, die er dort neben Studien bei Simon Sechter und Anton Halm betrieb.
Die Gunst der Zarenfamilie - schon 1839 verlieh ihm die Zarin Aleksandra Fëdorovna den Titel des Hofpianisten - sowie die der musikalischen Zirkel in St. Petersburg ermöglichten es Henselt fortan, hauptsächlich durch Unterrichten ein ansehnliches Einkommen zu sichern und sich vom ungeliebten Konzertieren zu distanzieren. Dementsprechend groß war die Schar seiner Schüler, von denen einige durchaus im Musikleben Russlands Einfluss gewannen, wie beispielsweise Vladimir Stasov, Ivan Nejlisov, Gustav Kross und Nikolaj Zverev. Hinsichtlich des Fortwirkens der Henselt’schen Art und Ästhetik des Klavierspiels sind die letzteren drei von besonderer Wichtigkeit, denn sie lehrten später das Fach Klavier auch an den beiden bedeutenden Konservatorien des Landes. Nejlisov und Kross in St. Petersburg, Zverev in Moskau. Bei Zverev erhielten unter anderen auch Sergej Rachmaninov, Aleksandr Skrjabin und Aleksandr Ziloti ihre pianistische Grundausbildung. Von den im westlichen Ausland wirkenden Schülern Henselts sei nur an Laura Rappoldi-Kahrer, Ingeborg Stark (verehelichte Bronsart), Robert Pflughaupt und Eduard Mertke erinnert.
Für seine Verdienste um das russische Musikleben, insbesondere um die institutionalisierte Musikausbildung dort, für deren Aufbau und Strukturierung er sich als langjähriger Musikinspektor für kaiserliche Ausbildungsinstitute einsetzte, erhielt Henselt unter anderem vom Zaren den Vladimir-Orden Erster Ordnung, mit dem die Erhebung in den Adelsstand verbunden war. Adolph (von) Henselt starb am 10. Oktober 1889 auf seinem Sommersitz in Warmbrunn (Cieplice Slaskie Zdrój) in Schlesien. Die Charakteristika der Henselt’schen Kompositionen, welche die Zeitgenossen dieses Tonkünstlers so außerordentlich beeindruckten und die Robert Schumann einmal in den beiden Worten «Wohllaut» und «Klangzauber» zusammenfasste, sind im Wesentlichen Ergebnisse einer genauen Kenntnis des Klavierinstruments und seiner klanglichen Möglichkeiten sowie eines speziellen spieltechnischen Trainings, in das insbesondere konsequente Dehnübungen der Hände einbezogen wurden. Henselt bevorzugte extrem weite Akkordlagen und nutzte dabei den Resonanzreichtum des Klaviers in einer sehr individuellen Art aus. Offenbar drängte das außerordentliche Interesse an der «Arbeit am Klavierklang» die Entwicklung komplexer Formen und Verwendung vielfältiger Besetzungen bei dem Komponisten Henselt in den Hintergrund. Dementsprechend rar sind in seinem Œuvre Werke von größerer oder gar zyklischer Anlage bzw. solche, die über die pianistisch-solistische Ausführung hinausgehen. Neben dem grandiosen f-Moll-Klavierkonzert op. 16 und zwei virtuosen Variationswerken (op. 1 und op. 13), davon das zweite mit Orchesterbegleitung, hinterließ er in dieser Hinsicht lediglich ein Duo für Klavier und Violoncello oder Violine oder Horn (op. 14) sowie ein Trio für Klavier, Violine und Violoncello (op. 24). Bei dem Rest der Henselt’schen Originalwerke dominiert die Idee des poetischen Klavierstücks, ganz im Sinn der sich seit den 1830er Jahren formierenden neuen musikalischen Romantiker. Auch wenn die Werktitel zumeist anders lauten, manifestiert sich die für Henselt so spezifische Kombination von Melomanie und pianistischem Virtuosentum im Wesentlichen in der Form von «Liedern ohne Worte».
Obwohl auch der Komponist Henselt insbesondere in den 1830er und 1840er Jahren großes Aufsehen erregt hatte, so litt doch die Kenntisnahme seines Wirkens nicht zuletzt unter typischen Emigrationsphänomenen. Im Westen geriet sein Schaffen durch seine Abkehr vom dortigen Musikleben immer mehr aus dem Gesichtsfeld. In Russland, seinem wesentlichen Lebens- und Arbeitskreis, verebbte die Wahrnehmung seines Schaffens im Zuge der politischen und ideologischen Abgrenzung von Westeuropa und der geschichtlichen deutsch-russischen Konfrontationen. Seine Bedeutung als Pädagoge und Editor sowie sein Wirken in Russland finden erst jetzt Anfänge einer eingehenden wissenschaftlichen Betrachtung.
Gerade im Kontext des aktuellen internationalen wissenschaftlichen und künstlerischen Austausches macht Henselts Position innerhalb der historischen west-östlichen musikkulturellen Beziehungen eine Beschäftigung mit seinem Schaffen besonders sinnvoll. Denn in ihm werden gesamteuropäischen Traditionen sichtbar, die aufgrund der geschichtlich-politischen Entwicklungen lange Zeit verborgen waren.
Der vorliegende Band, der auf den Beiträgen einer internationalen musikwissenschaftlichen Konferenz basiert, die im Rahmen des «1. Henselt-Festivals» 2002 in Schwabach vom Institut für deutsche Musik im östlichen Europa e. V. (IME) Bonn in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Historische Musikwissenschaft der Universität Leipzig und dem Kulturamt der Stadt Schwabach veranstaltet wurde, weist auf den Zusammenhang von Spezialuntersuchungen zum Schaffen Henselts, die in Russland, Polen, England, den USA und Deutschland unternommen werden, und übergreifenden Forschungen zum westlich-östlichen kulturellen Dialog im 19. Jahrhundert. Er vereint neueste thematisch relevante musikwissenschaftliche Forschungsergebnisse und stellt sie, ausgehend von verschiedensten Ansätzen und Perspektiven (musikhistorischen, werkanalytischen, rezeptionsgeschichtlichen, biographischen, soziologischen u.a.) zur Diskussion, berücksichtigt aber auch allgemein- und lokal- bzw. regionalgeschichts-, kunst- und literaturwissenschaftliche sowie kulturpraktische Aspekte.» (© Lucian Schiwietz)

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